Tragischer (November-) Abend

Oha, da hatten die Zwölfer bei der Planung wohl ihre Glaskugel bemüht, denn der letzte Tag des Monats war für einen tragischen Abend perfekt gewählt. Der November bot noch einmal alles auf, was man ihm so gemeinerweise unterstellt. Nieselig, pieselig und nebelig kam er daher, so dass man sich eigentlich gar nicht so recht vom heimischen Ofen wegbewegen wollte. Aber zum einen haut einen das derzeitige Fernsehprogramm so überhaupt nicht vom Hocker, und zum anderen hatte ich derartige Veranstaltungen bereits besucht, und es war jedes Mal ein echter kultureller Genuss. Und zum dritten (ich weiß, das passt jetzt nicht wirklich zum einen und zum anderen, aber ich bin ja auch kein Deutschlehrer…Nachsicht, Leute!) war ich schließlich ganz persönlich eingeladen worden, um ein paar Fotos zu machen, und naja, wenn ich etwas schreiben würde, wäre das auch nicht unbedingt "tragisch"…und so sitze ich nun hier und lasse den letzten Novemberabend noch einmal Revue passieren.

Wenn man zu solchen Anlässen das Kunsthaus betritt, kommt es einem nie so vor, als hätte man seine Schultasche nebst Klassenbuch vergessen. Es herrscht immer eine völlig andere Atmosphäre, und jegliche Verbindungen zu Kreidestaub, Tests und vergessenen Hausaufgaben sind auf wundersame Weise von den Veranstaltern gekappt worden. Und ehrlich gesagt, klingt "Kunsthaus" ja auch schon mal einfallsreicher als "Großes Haus"…Die beiden Musikräume, die man miteinander verbinden kann, um den zur Zeit größten Raum der Schule vorhalten zu können, muteten theaterlich und feierlich an. Auf den Plätzen lagen die Programme und …Taschentücher. Och nö, ich hätte doch lieber was Tragikomisches bei dem Wetter da draußen und dem vollen Terminkalender zu Hause. Aber Tränen kann man schließlich auch lachen, dann ist es okay. Den Anfang machten Nico, Albrecht und Arne, die scheinbar völlig planlos und total entspannt auf den tragischen Abend zusteuerten. Es war schon lustig anzusehen und wirklich präzise beobachtet, welche Eigenarten und Verdrängungstaktiken unsere Schüler so an den Tag legen, wenn eine umfangreichere Aufgabe zu bewältigen ist und man überhaupt nicht damit gerechnet hat, auch noch eine Note dafür zu bekommen. Sie nahmen sich selbst ein wenig auf die Schippe, und das ziemlich überzeugend.

Rotkäppchen hingegen (mit Robin, Max, Justine und Martha) whatsappte ohne Unterlass mit dem smart aussehenden Wolf. Das ging den Eltern tierisch auf den Wecker, so dass Papa erst mal nach dem Gewehr griff und sich auf seinen Hochsitz begab, um sich den Frust über die Telefonjunkietochter, die nicht mal seinen Kuchen entsprechend würdigen konnte, aus dem Leib zu schießen. Dabei war das Rotkäppchen gar nicht so missraten, denn es machte sich nach dem Wunsch seiner Mutter auf zur Omi, um ihr eine Leckerei zu bringen. Perfekt, dass auch Wolf Zeit hatte! Man wollte sich treffen und den Weg gemeinsam gehen. Nur war Wolf leider nicht der, für den er sich ausgab…und Rotkäppchen bekam das Wegrennen und landete genau vor der Flinte des Vaters…Diese Darstellung bot allerhand Stoff zum Nachdenken…aber es ging gleich weiter.

Oh Mann, wenn ich so weiter mache, dann schreibe ich vielleicht zu viel…hallo, Herr Baumann, hab ich noch ein bisschen (fettgedruckt und sieben Mal unterstrichen) Platz? Danke schön! Denn Pia und Alexandra möchte ich auf keinen Fall unterschlagen. Sie führten einen hochemotionalen Dialog. Dieser beschäftigte sich mit der Frage, ob man die schwer verletzte Mutter, die im Koma lag, von ihren Leiden erlösen sollte oder ob man darauf hoffen sollte, dass sie wieder zu sich kommt und dann ein kaum noch lebenswertes Leben lebt. Die zwei Schwestern argumentierten jede für sich nachvollziehbar und schlüssig, wünschten sich inständig, dass ihre Mutter ihnen diese Entscheidung abnehmen würde. Der Zuhörer fragte sich unwillkürlich selbst, was er in einem solchen Fall tun würde…und war letztendlich froh, dass er völlig unbeteiligt am Geschehen war und diese dunklen Gedanken erst einmal wegschieben konnte.

Friederike und Jennifer fragten sich, ob nach dem Unglück möglicherweise auch noch der Untergang kommt.
In "Die Schwester des Schwans" wurde die märchenhafte Darstellung an einer Stelle eingefroren und die Zuschauer konnten entscheiden, wie das Stück ausgeht. Dafür fanden sie an ihren Stühlen verschiedenfarbige Zettel. Ich habe ehrlich gesagt nicht mit abgestimmt, weil ich davon ausging, dass das erst am Ende des Abends passiert…okay, sorry, natürlich weiß ich auch nicht, was die eingefrorenen Personen bis dahin getan hätten und ob die anderen Darstellungen davor hätten spielen sollen…nein, diese Gedanken führen wir jetzt nicht weiter aus, denn jetzt kam die Pause. Und ich hab noch nicht mal die Moderatoren erwähnt! Die spielten zwischen den verschiedenen Darbietungen nämlich auch noch ein Stück, aber nicht am Stück, sondern mit Unterbrechungen (hihi). Kea und Thorben wollten Philipp jeweils von ihrer Welt überzeugen. Thorben warb mit dem schnellen Geld, welches man mit unlauteren Geschäften und einer gewissen Skrupellosigkeit mühelos verdienen könne, während Kea versuchte, ihm ein ehrliches Leben mit anderen Werten schmackhaft zu machen. Und wir konnten die Zerrissenheit des frisch von der Uni gekommenen Philipp fast mit den Händen greifen…er fühlte sich mal zu der einen, mal zu der anderen Seite hingezogen.
Nach der Pause erlebten wir, wie das liebe Schneewittchen immer unglücklicher wurde, den Glauben an das Gute im Menschen verlor und die böse Stiefmutter ihr ihre positiven und gutgläubigen Anschauungen quasi um die Ohren haute. Wer erwartet hatte, dass alle Märchen gut ausgehen, hatte sich dieses Mal geirrt.

Im Anschluss sinnierte Fin in einem längeren Monolog über das Jüngste Gericht.

"Roman & Jette" (Nele, Jacqueline, Anna und Anna) bot eine moderne Version von Romeo und Julia, und zwar so modern, dass Julia (Verzeihung! Jette!) doch tatsächlich an einer Stelle den Namen ihres Liebsten vergaß und ihn Romeo nannte. Im Hintergrund stritten sich Engel und Teufel vehement darum, wer die Zügel in die Hand nehmen und den Verlauf der Geschichte beeinflussen sollte. Sie mussten jedoch feststellen, dass die beiden einfach machten, was sie wollten.

Und last but not least versetzten uns "Die Physiker" alias Leo, Jan, Mike und Julius in Angst und Schrecken. Sie stellten den Hunger, den Krieg, den Tod und die Macht dar. Die Vier stritten sich darüber, wer von ihnen denn derzeit in der Welt am meisten zu tun hätte. In ihrer Darstellung brachten sie uns auf furchteinflößend beeindruckende Weise die politische Lage nahe, was uns alle traf, obwohl einige Dinge sich tausende Kilometer entfernt abspielen, aber dennoch nicht losgelöst betrachtet werden können.

Das war ein wirklich rundum gelungener Abend der Zwölfer, und natürlich war für das leibliche Wohl auch gesorgt, aber jetzt muss ich echt zum Ende kommen, sonst krieg ich Ärger. Und Sie? Haben Sie das etwa verpasst? Schade, es gab noch ein paar freie Plätze, und nicht zuletzt grandiose Unterhaltung ohne GEZ-Gebühr…

Danke für die Einladung, Kea!